Living History

Was bedeutet Living History oder Reenactment?

Das Reeactment oder auch „to reenact“ bedeutet ja übersetzt „etwas nachstellen, etwas nachleben“ oder sehr frei „etwas nachmachen“. Wir versuchen das Leben der Menschen, unserer gewählten Darstellungsepoche, nachzustellen.

Wie wird man Reenactor?

Man beschafft sich die nötige Literatur über seine Wunschzeit, meldet sich bei Gruppen die diese Epoche bereits darstellen und tauscht sich aus. Dann geht es an die Arbeit und man fertigt seine Ausrüstung mit den damaligen Mitteln. Damit ist nicht unbedingt gemeint, man setzt sich mit der Steinaxt hin, sondern man nutzt nachgewiesene Materialien und Verarbeitungsweisen. Eine Truhe wird z.B. nicht mit Spax-Schrauben und Zierkappen sondern mit Schmiedeeisernen Nägeln oder Holzstiften zusammengesetzt.
Ein zudem beliebtes Thema … die Kleidungsstücke werden nicht bis zur sichtbaren Naht mit der Maschine genäht, sondern mindestens die sichtbaren Nähte mit einer Handnaht versäubert. Das ganze Kleidungsstück mit der Hand zu nähen ist ein „nice-to-have“ aber keine absolute Pflicht.

Um Reenactment richtig zu betreiben muss man sich von dem Gedanken und der Argumentation „…aber es könnte so gewesen sein!“ verabschieden!

Reenactment und experimentelle Archäologie?

Reenactment ist keine experimentelle Archäologie! Es scheint in der Begeisterung der Darsteller zu liegen, dass sich die meisten für beide Themen interessieren, aber experimentelle Archäologie arbeitet mit einem festen Versuchsaufbau um eine Theorie zu bestätigen oder zu widerlegen. Die Darstellung bedient sich anschließend dieser Ergebnisse und Erkenntnisse um die Präsentation für den Besucher zu verbessern.

Reenactment oder auch Living History versucht sich wissenschaftlich Korrekt zu geben, daher ist es hier wichtig mit Gegebenheiten und Fakten zu arbeiten.
Ich schreibe an dieser Stelle bewusst „… Reenactment versucht …“, da die Szene noch nicht bei allen Wissenschaftlern und Institutionen als „wissenschaftliche“ Möglichkeit angesehen wird, da doch sehr viel mit Interpretationen und bei einigen leider auch mit Mutmaßungen gearbeitet wird. Zudem fehlt bei vielen Mitgliedern der Szene die Möglichkeit und teilweise auch das Wissen, ihre Erfahrungen korrekt aufzubereiten, um sie wissenschaftlich prüfen lassen zu können.

Es gibt einige die kein Verständnis für diese Haltung der Wissenschaft haben, da dies Erfahrungen die durch Reenactment im Alltag gemacht werden absolut ausschließt.
Als Gegenargument muss man hier anbringen, dass nur Experimente, welche in einem korrekten Rahmen durchgeführt werden, durch ein Gremium geprüft werden können, bei Bedarf unter gleichen Bedingungen wiederholt und so durch einhellige Meinung zu Fakten werden können.

Eine gut dokumentierte Interpretation kann so ebenfalls, nach einer Prüfung, dabei helfen einen Fakt zu verändern.
Für uns Reenactor oder auch historisch Begeisterte ist manchmal schwierig das nachzuvollziehen. Sind wir doch manchmal lieber mit praktischer Herangehensweise bzw. Überlegung oder mit einer wilden Theorie aus unserem bzw. Großmutters Alltag dabei, eine mögliche Erklärung für Handlungsweisen der Leute von unserer dargestellten Epoche zu finden. Da uns keine andere Lösung oder Erklärung einfällt, sind wir dann ebenfalls fix damit es als „ging ja nicht anders“ und somit als Fakt zu definieren.

Leider, so Logisch diese Erklärung bestimmt auch für den ein oder anderen Wissenschaftler ist, sind solche Erklärungen, Lösungen oder auch „Fakten“ lediglich wilde Theorie und Mutmaßung, da man sie nicht eindeutig beweisen kann.
Lasst euch von diesem Satz jetzt bitte nicht entmutigen irgendwelche Theorien aufzustellen, auch hier gilt, wenn es Sinn macht und wenn es geprüft wurde, kann es als eine Interpretation akzeptiert werden. Der Weg ist hier das Ziel.

© 1973. USA. by Dik & Chris Browne. Editor: King Features Syndicate.

© 1973. USA. by Dik & Chris Browne. Editor: King Features Syndicate.

Dem Besucher dürfen lediglich Fakten und akzeptierte oder, sofern deutlich kenntlich gemacht, persönliche Interpretationen präsentiert werden.
Alles andere wäre nicht wissenschaftlich sondern Fantasy und wir möchten die Archäologie als Wissenschaft ja unterstützen mehr Erkenntnisse zu bekommen und distanzieren daher das Reenactment von Mittelaltermärkten.
(Als kurze Randnotiz zu Mittelaltermärkten: Kein Reenactor hat etwas gegen derartige Veranstaltungen! Beide haben Ihre Daseinsberechtigung und jeder kann es ja für sich halten wie er will!
Die Veranstaltungen sind lediglich einem anderen Zweck zugeordnet. Mittelaltermarkt = Unterhaltung und Show; Reenactment versucht eben die Archäologen zu unterstützen und in der Museumspädagogik Fakten an den Besucher zu vermitteln.)

Living History oder Reenactment?

Wie schon mehrfach geschrieben, benennen wir unser Hobby lieber als „Living History“ anstatt „Reenactment“.
Warum das so ist wollen wir euch nicht vorenthalten.

Wie oben bereits beschrieben bedeutet Reeactment oder auch „to reenact“ übersetzt „etwas nachstellen, etwas nachleben“ oder sehr frei „etwas nachmachen“. Hier haben wir das Problem, dass wir nur sehr wenige Szenen haben, die wir nachspielen könnten. Tatsächlich stellen wir ja keine Szenen nach, sondern versuchen eine Rekonstruktion des alltäglichen Lebens der Menschen damals. Mit Alltagsgegenständen und allem drum und dran. Dieses Extrem, kann man nur schwierig in einer Veranstaltungsumgebung, das ist natürlich klar. Hierfür benutzen wir primär private Veranstaltungen, wobei wir die modernen Annehmlichkeiten wirklich komplett ausblenden können.

Wir versuchen also, wie die Menschen zu leben, mit gleichen technischen Mitteln zu arbeiten und sie nicht nachzuahmen. Daher ist für uns der Begriff „Living History“, als „gelebte Geschichte“ für uns zutreffender anstatt „Reenactment“.

Da der Begriff eine etablierte Bezeichnung für eine Szene ist, welcher wir uns als zugehörig betrachten, benutzen wir diesen Begriff selbstverständlich auch.

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